Vom Verstehen zum Begreifen

Oder : Warum der Mensch immer wieder auf die Nase fällt

Wir alle kennen es....Obwohl wir genau wissen, dass uns bestimmte Dinge nicht gut tun, machen wir den gleichen "Fehler" immer und immer wieder. Ob es nun die fettigen Fritten, die ärgerliche Unterhaltung mit der hochnäsigen Nachbarin oder der Fehlkauf eines überflüssigen Kleidungsstückes ist, der uns auf's Gemüt schlägt....Meistens ärgern wir uns dann über uns selbst, wenn uns plötzlich wieder bewusst wird, dass wir das schon hunderte Male durch haben und es doch nun eigentlich anders machen wollten.

Auch mir ist es vor einigen Tagen wieder so ergangen. Ich habe mich seit einiger Zeit damit befasst, wo Illusion anfängt und Realität endet....Ein sehr komplexes Thema, das ich hier nicht weiter vertiefen möchte....Allerdings habe ich aus der Thematik für mich sehr nützliche Erkenntnisse ziehen können. So ist es beispielsweise möglich, aus schmerzhaften Themen einfach auszusteigen und das Ganze als Film zu betrachten. Trotz dieser Erkenntnis ertappe ich mich in den letzten Tagen immer und immer wieder dabei, wie ich mich in meinem eigenen Drama verstricke, anstatt einfach auszusteigen. Nun könnte man meinen, mit dem Erkennen des Fehlers wäre es getan und ich steige einfach JETZT aus....Nein, nun ärgere ich mich erst richtig...und zwar genau darüber, dass ich diesen Fehler doch schon so oft gemacht habe und es jetzt doch wirklich langsam mal gelernt haben müsste.

Aber warum ist das so? Warum machen wir ein und den selben Fehler immer und immer wieder?

Nun, bevor wir uns eine neue Eigenschaft zu Nutzte machen können, müssen wir die Theorie dahinter zunächst einmal ver-stehen. Ein Kind das Laufen lernt, beobachtet zunächst seine Mitmenschen. Es erkennt, dass es theoretisch nur einen Fuß vor den anderen setzen bräuchte....Es ver-steht die Abläufe dahinter. Nun beginnt es langsam mit den ersten Gehversuchen... Es be-greift...Es setzt einen Fuß vor den anderen - und fällt hin....Es weint und jammert und ver-steht mit jedem weiteren Versuch, dass zum Laufen doch noch mehr gehört, als nur einen Fuß vor den anderen zu setzten. So beginnt ein Wechselspiel zwischen ver-stehen und be-greifen, zwischen Theorie und Praxis. Nach jedem Fall beobachtet das Kind erneut und erkennt, dass es auch noch die Balance halten muss, dass nichts im Weg liegen darf, wie der Boden beschaffen ist usw....

Erst wenn alle theoretischen Erkenntnisse mit den praktischen Erfahrungen verknüpft sind, wird das Kind sicher laufen können ohne ständig hinzufallen.

Aber was nutzt uns diese Erkenntnis als Erwachsener?! Wir sind doch schon groß und können laufen....

  • An diesem Lernmuster hat sich nichts verändert, es zieht sich durch unser ganzes Leben wie ein roter Faden....Glaubst Du nicht? Versuche Dich daran zu erinnern, wie Du Fahrrad fahren gelernt hast, ein Instrument zu spielen, ein Werkzeug zu benutzten....Es ist immer ein Wechselspiel aus ver-stehen und be-greifen!
  • Als Erwachsene werfen wir bei der ersten Niederlage nur allzu gern die Flinte ins Korn. Wir ärgern uns, statt uns selbst einzugestehen, dass auch - oder gerade die Niederlagen uns am meisten voran bringen. Statt hinzuwerfen, sollten wir also dranbleiben, beobachten, umsezten....!
  • Wir sollten unser vermeintliches Scheitern gelassener und mit Humor nehmen! Wenn wir als Kinder aus jedem Stolpern ein solches Drama zelebriert hätten wie im Erwachsenenalter, würden wir vermutlich heute noch krabbeln ;-)
  • Wir sollten klein anfangen, statt gleich den großten Berg erklimmen zu wollen. Das Laufen haben wir schließlich auch zunächst auf ebenem Untergrund geübt, bevor wir die Böschung hinunter gestürmt sind!
  • Früher haben uns unsere Eltern für jeden erfolgreichen Schritt applaudiert....das ist heute vermutlich nicht mehr so ;-) Umso wichtiger ist es, dass wir uns selbst auch für kleine Erfolge mal auf die Schulter klopfen und uns anschauen, wie weit wir schon gekommen sind, bzw. was schon alles hinter uns liegt. Dazu gehört selbstverständlich auch, sich selbst Trost zu spenden, wenn's mal nicht so klappt...schließlich bekamen wir (hoffentlich) von unseren Eltern damals auch keine Schelte, wenn wir wieder mal gestolpert sind....
  • Das allerwichtigste ist jedoch, dass wir unsere Erkenntnisse anwenden! Sonst bleibt es ewig nur beim ver-stehen, bei der theoretischen Erkenntnis. Erst das Anwenden unserer Er-kenntnis führt zum be-greifen, zur Er-fahrung! Erkenntnisse die nicht angewendet werden, vergessen wir mit der Zeit wieder. So erklärt sich auch, warum wir zu 90% alles vergessen haben, was wir in der Schule je gelernt haben....Es war nur Theorie...oder kannst Du aus den Effeff den Satz des Pythagoras anwenden?! Nein? Macht nix ;-)
  • Statt uns das nächste Mal wieder über uns selbst zu ärgern, sollten wir uns einen Moment hinsetzten und darüber nachdenken, was wir aus der letzten Erfahrung lernen könnten...
  • Erkenntnisse die uns plötzlich in der Situation selbst bewusst werden, sollten wir tatsächlich sofort umsetzten....Auch wenn das bedeutet, die fast volle Tüte Fritten in den Müll zu werfen, die hochnäsige Nachbarin mitten in der Unterhaltung stehen zu lassen oder den überflüssigen Fehlkauf wieder rückgängig zu machen. Keine Angst, das passiert meistens nur ein- zweimal....danach haben wir's geschnallt ;-)
  • Wir sollten uns bewusst machen, dass wir Menschen leider nicht über einen On/Off-Schalter verfügen und somit alles, wirklich alles im Leben einem Ent-wicklungsprozess unterliegt. Ganz gleich ob es sich um Essgewohnheiten, Konfliktmuster oder unser heißgeliebtes Hobby handelt.....Alles will Schritt für Schritt erlernt werden! Auslassen oder Überspringen einiger Stufen führt meistens dazu, dass wir kräftig auf die Nase fallen...
  • Wir sollten geduldig mit uns selbst sein! Jeder, der ein kleines Kind schon mal von den ersten Gehversuchen bis zum sicheren Laufen beobachten durfte, weiß dass dies ein langer, mühseliger Weg mit vielen Stolpersteinen, Wehwehchen und Niederlagen ist - aber am Ende haben wir doch alle das Laufen gelernt!


In diesem Sinne....Kopf hoch, Dreck apklopfen....weiter geht's ;-)

                                                                                                                                         

   Bild und Text © Bianca Röhling 09/15