Keller der Vergessenheit

Es ist Freitag Nacht. Ich sitze in meinem Keller und schreibe diese Zeilen...Ich sitze nun schon seit fünf Wochen in diesem Keller, obwohl ich lieber ganz woanders wäre. Du fragst Dich nun sicher, warum ich dennoch ausgerechnet im Keller sitze und  schreibe? Nun, ich sitze nicht ganz freiwillig dort....Zum einen hab ich in diesem Keller offensichtlich noch einiges zu erledigen und zum anderen möchte ich Dich daran teilhaben lassen. Vielleicht hilft es Dir eines Tages, wenn Du unverhofft in Deinem Keller sitzt....Denn ich bin sicher, auch Du hast einen solchern Keller um den Du am liebesten einen großen Bogen machst. Es ist der Keller der Vergessenheit. In diesem Keller fliegen vielerlei Erinnerungsstücke herum...Schöne und auch weniger schöne...meist jedoch weniger Schöne...Ich für meinen Teil glaubte, meinen Keller schon tausendfach ausgemistet zu haben. Alles schien gut geordnet und sortiert, Überflüssiges hab ich entrümpelt und lästigen Kleinkram säuberlich in Kisten verstaut...Wie Du siehst, ich hab schon sehr viel Zeit in diesem Keller verbracht und mir wirklich große Mühe gegeben....Dennoch hab ich offensichtlich eine Ecke übersehen, offensichtlich eine sehr bedeutsame Ecke...Ich vermute, ich wollte diese Ecke nicht sehen... Warum? Weil in dieser Ecke sehr, sehr schmerzhafte Erinnerungsstücke liegen...

Als ich vor fünf Wochen hier herunter kam, ausgelöst durch den wohl bislang schmerzhaftesten Verlust meines Lebens, wollte ich so schnell wie möglich raus aus diesem Keller...aber ganz so einfach ist es leider nicht. Die Tür ist zu...veriegelt. Zuerst war ich wie gelähmt, war der Ohnmacht nahe. Dannach versuchte ich wie wild, die Türe zu öffnen. Doch sie war ja verschlossen. Ich rannte wie eine Irre immer wieder dagegen, rief um Hilfe, aber niemand hörte mich. Ich suchte nach allerlei Werkzeugen um mich irgendwie zu befreien, doch nichts half. Irgendwann hab ich dann kapituliert...Es machte ja doch keinen Sinn...Und so langsam dämmerte es mir, dass es einen Grund gibt, weshalb ich nun hier in meinem Keller sitze....Ich wurde lange darauf vorbereitet. Ich wusste, ich muss diese Ecke im Keller aufräumen. Ja, es gab sogar Menschen, die immer wieder sagten "Pass auf, was Du tust, sonst landest Du im Keller"...aber ich konnte nicht anders. Ich bin meinem Herzen gefolgt, ganz gleich wie laut der Verstand "Stopp" gerufen hat...Ja, auch ich wusste, ich kann dieser Erfahrung nicht entgehen, auch wenn bis zum Schluss versucht habe, mir einzureden, dass alles gut geht...Nun steh ich also vor dieser einen Ecke in meinem Keller...und mir wird klar, wenn ich jemals wieder hier raus will, muss ich mich diesen Erinnerungen stellen und sie Stück für Stück bei Seite räumen....Denn ich weiß, irgendwo unter diesem ganzen Kram liegt der Schlüssel zu dieser verdammten Kellertüre.. Ich beginne all die Dinge die da herum liegen, zu betrachten. Die Erinnerungen daran sind mir sehr vertraut, sind Teil meines Lebens. Ja, sie machen mich sogar stolz. Schließlich durfte ich genau durch diese Erfahrungen ja diese oder jene Stärke entwickeln.Doch plötzlich kommen mir die Tränen. Mir wird klar: Ja, verdammt, all das hat mich stark gemacht, aber es hat mich mehr gekostet, als ich wahr haben wollte...Es hat mich meine Kindheit gekostet...Ich wollte es damals vieles besser machen...als Erwachsene bloß nie den selben Scheiß noch Mal erleben...Und nun?!? Wozu das alles, wenn ich nun doch den selben Scheiß wieder erlebe? Und ich begreifeMir wird zum ersten Mal seit damals, als ich die Dinge hier unten im Keller verbannt habe, bewusst, wie sehr mich all das geprägt hat, mich verletzt hat... Draussen laufen Menschen vorbei..Ich höre sie lachen und albern...Ich bekomme Wut! Warum ausgerechnet immer wieder ich?! Warum kann ich nicht einfach unbeschwehrt mein Leben genießen, statt ständig diesen verdammten Keller aufzuräumen?!

Heute ist mir klar, was vor fünf Wochen geschehen ist, musste genau so geschehen....Es stand schon lange fest. Denn nur durch diesen Verlust war es mir möglich hier herunter in den Keller zu gehen und endlich diese Ecke aufzuräumen....Solange es uns gut geht, beschäftigen wir Menschen uns nähmlich lieber mit allerlei anderem  Kram...Wir verbummeln unsere Zeit mit allem Möglichen, wir kaschieren unseren chaotischen Keller lieber mit einem hübsch bepflanztem Vorgarten oder schicken Gardinen. Ja, wir unternehmen alles Mögliche um nach aussen hin den schönen Schein zu wahren...Doch leider ist der Keller gleichzeitig das Fundament unseres schönen Hauses und wenn das Fundament löchrig und zerfressen ist, wankt über kurz oder lang das ganze Haus...wohl wissend, dass da noch diese verdammte Kellerraum ist....Aber es muss ja keiner wissen...bis wir dann

Der jüngste Verlust hat mir deutlich gemacht...Ich habe sehr früh in meiner Kindheit meine gesamte Familie verloren. Meinen Vater, meinen Bruder, Oma, Opa, Paten, Tanten und Onkels durch die Trennung meiner Eltern....Die einzig Vertraute die mir blieb, war meine Mutter. Durch ihr eigenes unverarbeitetes Trauma fand ich als Kind jedoch keinerlei Zugang zu ihr und blieb mit all meinem Schmerz und Kummer allein. Ich lernte früh, mich alleine durch zu boxen. Was einerseits gewisse Stärken hervor brachte, andererseits aber auch Schatten warf...Schatten die ich teils wahr nahm, aber nie richtig deuten konnte. Durch den kürzlichen Verlust haber ich Zugang zu jenen Gefühlen von damals bekommen, um  wach gerüttelt, die mich als Kind geprägt haben.Auch damals fühlte ich mich hilflos, ohnmächtig und